Besser wirtschaften: Tagungsbericht vom New ecomomic Summit Bristol 2015

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ALLMENDA-Vorstand Gernot Jochum-Müller nahm an dieser Tagung teil. Zwei Tage voll mit Input über Ownership, Mikroökonomie, neue Theoriemodelle, Coproduktion, die Kraft der kleinen nachhaltigen Firmen, resiliente Städte und Energie-Genossenschaften hinterließen bei ihm ein gutes Gefühl. Im liberalen England sind jede Menge zivilgesellschaftliche Initiativen entstanden. Laut einer der Referentinnen gibt es auf der Insel allein 450 Foodcoops, die schon mehrere 100.000 Menschen mit versorgen. Zum Treffen eingeladen waren alle Partner eines von der EU geförderten Projektes, an dem auch die ALLMENDA beteiligt ist, sowie die breite interessierte Öffentlichkeit der Briten.

Ein Ausschnitt aus den Tagungsthemen:
Wenige Meter vom „River Avon“ tagte der Summit im “at Bristol”, einem Erlebnis- und Forschungsraum der besonderen Art. Im EG forschten Kinder über Naturwissenschaftliche Zusammenhänge während sich im 2. Geschoss mehr als 100 Teilnehmer aus ganz England, Spanien, Brasilien, Holland, Griechenland, Polen, Italien, … dem Thema „Neue Ökonomie“ widmeten. Am einladenden Platz vor dem Tagungsgebäude wurden die Besucher von einem „Energiebaum“ empfangen. Jugendliche fertigten diesen Baum an, als sie sich in einem Projekt mit erneuerbaren Energien beschäftigt haben. (siehe Bildgalerie)

Im Mittelpunkt der Tagung stand die Stadtwährung „Bristol Pound“ die inzwischen von 800 Firmen als Zahlungsmittel akzeptiert wird. In den letzten 12 Monaten wurden etwa 500.000 Stirling Pfund in Bristol Pound gewechselt. Einkaufen kann man mit den wunderschön gestalteten Scheinen hauptsächlich in der Innenstadt. Bristol hat noch sehr viele kleine Unternehmen, die erhalten werden sollen. Der nötige Shift – im Kopf, wird hier leicht gemacht. Mit den Scheinen können Steuern, Elektrizität und auch Zugkarten bezahlt werden kann. Alle städtischen Stellen nehmen Bristol Pounds. Noch ist das System für die Teilnehmer kostenlos. Ein Finanzierungskonzept für die Zeit nach der dreijährigen Förderphase muss noch entwickelt werden. Bis dahin lässt sich der Bürgermeister gerne zu 100% in Bristol Pounds bezahlen. Denn die Stadt weiß, dass allein die Gäste, die wegen der neuen Währung kommen, an die 100.000 Stirling Pfund in die Stadt bringen.

Bristol ist auch Teil des Netzwerks der 100 resilienten Städte, einem Netzwerk das vor zwei Jahren von der Rockefeller Stiftung gegründet wurde. Ausgestattet mit einem eigenen Bewertungs- und Aktionsschema, beschäftigen diese Städte zumindest eine Person, die eine lohnenswerte Aufgabe hat: Der Stadt zu helfen sich immer wieder zu erneuern und nachhaltige Ziele zu verfolgen. Die zuständige Resilienzmanagerin zeigt auf, in wie vielen Bereichen eine Stadtwährung positive Wirkungen zustande bringt.
Resilienz bedeutet nicht, dass Katastrophen, Krisen und Schocks vermieden werden können. Ändern lässt sich jedoch die Art, wie eine Stadt auf diese Herausforderungen reagiert. Wie sich eine Stadt den drohenden Szenarien, etwa wie den massiv ansteigenden Einwohnerzahlen, der Klimaerwärmung etc. stellt, sind z.B. zwei Fragen. Bristol steht im Verhältnis gut da, setzt ganz besonders auf zivilgesellschaftliche Initiativen und deren Unterstützung. Denn alleine kann die Stadtverwaltung die Probleme nicht lösen.

Besonders beeindruckend:
Fasziniert hat mich die Referentin Kate Raworth (Ökonomin) mit ihrer Doughnut-Ökonomie. Anhand eines kreisrunden (Doughnut) Diagramms erklärt sie, wie Menschenrechte sowie die ökologischen Grenzen und Ressourcen unseres Planeten zusammen gedacht werden können. Nach außen begrenzt durch die ökologischen Grenzen unseres Planten und nach innen definiert durch Standards der sozialen Gerechtigkeit. Ein Ökonomiemodell, das wirklich Sinn stiftet, aber auch vor Augen führt, wie verantwortungslos wir mit unser Erde umgehen. Die Ökonomin zeigt anhand wichtiger Zahlen auf, dass die nötige Veränderung gar nicht so groß sein muss.
Ein Beispiel: 13% der Menschen haben nicht genug zu essen. Das nötige Volumen entspricht 3% der weltweiten produzierten Lebensmittel, die aber nicht zusätzlich produziert werden müssen. Zwischen 30 und 50% der täglich bewegten Lebensmittel werden gar nie gegessen, die wandern direkt in den Müll. Wir brauchen also „nur“ 10% jenes Essens, das nie gegessen wird zu verwenden (umFAIRteilen), um den Hunger auf dieser Welt stillen. Es braucht keine Produktionssteigerungen, kein zusätzliches Wachstum in diesem Bereich. Sogar eine Schrumpfung der Produktion ist gut verkraftbar.
Ein anderes Beispiel: 19% der Menschen leben mit weniger als 1,25$ pro Tag. Um das maßgeblich zu ändern braucht es „nur“ eine Verschiebung von 0,2%  des globalen täglichen Einkommens. Nur 0,2%, das sollte doch machbar sein!

„Economy for the Common Good“, die englische Gemeinwohlbewegung, ist gestartet. Das Buch „Change Everything: Creating an Economy for the Common Good“ von Christian Felber, wurde bereits in acht Sprachen übersetzt und ist nun auch auf Englisch erschienen. Die ersten Personen sind geschult und suchen nun nach Betrieben, die für die Einführung der Gemeinwohlbilanz beraten werden wollen. In dem Team aus London, das bei der Tagung vertreten war, herrscht jedenfalls Aufbruchstimmung.

Ein anderes Nachhaltigkeitslabel für Unternehmen ist „B Corp“. Formal betrachtet ist B Corp eine Zertifizierung, die wirtschaftlichen Erfolg neu definiert – auch wenn die Mitglieder sich vielmehr als Teil einer globalen Bewegung verstehen. In Abgrenzung zu anderen Zertifizierungen wie FairTrade oder den diversen Biolabels betrachtet B Corp nicht einzelne Produkte oder Prozesse, sondern das Unternehmen als Ganzes. Letztlich geht es um die Frage: Hat das Unternehmen eine tief in der Firmenkultur und im Geschäftsmodell verankerte Firmen-„DNA“, die positiven Wandel bewirkt? B Corp kommt ursprünglich aus Amerika, hat sich aber stark in Europa etabliert. Heute hat das Netzwerk an die 1.400 Mitglieder und ist in 42 Ländern vertreten.

Beeindruckend war die Mischung der Teilnehmerinnen. Ich schätze den Altersunterschied von ca. 60 Jahren im Raum, die Internationale Zusammensetzung des Publikums war auch beeindruckend. Doch eine Vernetzung zum Festland ist nicht gerade weit entwickelt. Die Sprachgrenze ist größer als gedacht. Ich für meinen Teil werde mich der Doughnut-Ökonomie noch weiter beschäftigen.

Gernot Jochum-Müller